Es gibt eine unausgesprochene Hierarchie beim Lesen von Geschaeftsberichten: Hauptteil zuerst, Fussnoten wenn noch Zeit ist. Fuer introvertierte Anleger, die gerne tief in Texte eintauchen, klingt das paradox - aber auch sie ueberspringen Fussnoten haeufiger als gedacht, weil sie nach einer langen Analyse erschoepft sind.
Was Petra Warnsdorf uebersah
Petra hatte einen Pharmahersteller gruendlich analysiert. Umsatz, Marge, Cashflow - alles solide. In der Fussnote zu Eventualverbindlichkeiten stand ein laufendes Kartellverfahren mit einem moeglichen Bussgeld im dreistelligen Millionenbereich. Die Formulierung war vorsichtig: moegliche Inanspruchnahme nicht auszuschliessen. Petra hatte die Fussnote gelesen, aber als Standardformulierung eingestuft.
Achtzehn Monate spaeter wurde das Bussgeld festgesetzt. Der Kurs reagierte entsprechend. Das Verfahren war in der Fussnote klar beschrieben - mit Aktenzeichen, Behoerde und Zeitrahmen. Es war kein verstecktes Risiko. Es war ein dokumentiertes Risiko, das nicht als solches gewichtet wurde.
Wie man Fussnoten systematisch liest
Nicht jede Fussnote ist relevant. Aber Fussnoten zu Rechtsstreitigkeiten, Eventualverbindlichkeiten und nahestehenden Personen sollten immer vollstaendig gelesen werden - nicht diagonal. Diese drei Kategorien enthalten ueberproportional haeufig Informationen, die im Hauptteil nicht auftauchen.
Wer Fussnoten als optional behandelt, liest nur den Teil des Berichts, den das Unternehmen prominent zeigen wollte.